Das Leben

So zeitig wie heute waren sie selten zusammengekommen. 8:30 Uhr in der Früh war sonst nicht üblich. Heute Morgen waren sie mal wieder alle beisammen. Michael, Peter, Uwe, Klaus und auch Heinz.

Die letzte gemeinsame Unternehmung fand zum Anlaß von Michaels 50. Geburtstag statt, der nun auch schon wieder sieben Jahre zurücklag. Man hatte sich schon gestern getroffen, um über die alten Zeiten zu quatschen. Nach etwa einer Stunde gegenseitiger Erinnerungen an Sauftouren, angeblich eroberter Damen und dergleichen, was Männer sich mit verklärtem Blick auf die Vergangenheit so vorprotzen war man aber doch in der Gegenwart angelangt.

Angelangt bei verpaßten Chancen, abgelegten Lieben und erlangten Erfolgen.

Klaus, der mal eine große Musikerkarriere geplant hatte, wie ein Wilder auf seiner ersten Gitarre herumgeschrammelt hatte und es mit enormem Übungsaufwand aber begrenztem Talent immerhin zu einem Mitglied in der örtlichen Bluesband geschafft hat, bei der er sich ganz passabel schlägt.

Michael, der schon zu Zeiten des jugendlichen Aufruhrs immer zur Besonnenheit gemahnt hatte, ständig kontrolliert durchs Leben ging, immer alles im Griff zu haben schien, dann aber doch, als er die Liebe seines Lebens einem Bankangestellten aus der Nachbarstadt überlassen mußte, die Kontrolle über sich und sein Leben verlor und zum Alkoholiker wurde. Heute glücklicherweise trocken und wieder mit beiden Beinen auf dem Boden.

Peter, der, in Jugendjahren immer unangepaßt und rebellisch gegen alles und jeden aufbegehrend, heute ein Leben führt, das so weit weg von seinen alten Idealen ist, daß er sie kaum noch sieht. Aber er ist glücklich und im Grunde seines Herzens immer noch unangepaßt. Nur das Rebellische hat gegen Altersmilde getauscht.

Uwe, der immer zielstrebig, bestimmt und geradlinig durchs Leben ging, bei der Bundeswehr war, später eine zweite Karriere startete und nach allerlei Wirrungen und zwischenzeitlichen Selbstzweifeln heute da ist, wo er immer hin gewollt hat, bei sich.

Und Heinz.

Heinz hatte immer das Ziel, es allen zu zeigen. Seinem Vater, seinen Lehrern, seiner Frau, seinen Kindern. Eben allen. Heinz kämpfte sein Leben lang. Um Anerkennung, um seine Ziele, um seine Karriere. Das Leben ist ein ständiger Kampf, war einer seiner Sprüche. Dem Kampf hat er alles untergeordnet. Und immer alles geplant.

Bis auf den heutigen Tag. Auf den war er nicht vorbereitet.

„Und nun begleiten wir unseren Freund, Ehemann und Vater, Heinz Bornkamp auf seinem letzten Weg zur ewigen Ruhe“, reißt der Pfarrer sie aus ihren Gedanken. Still erheben sich die verbliebenen Freunde und folgen hinter Marlene und den Kindern dem Sarg.

Heinz war nur 58 Jahre alt geworden. 58 Jahre Kampf waren beendet. Wofür?

Was kostet Krieg

Irak-Krieg: 3.700 Mrd $ (USA – Quelle: Watson Institut for International Studies)
Afghanistan-Krieg: 17 Mrd. EUR (Deutschland – Quelle: DIW)
Afgahnistan-Krieg: 450 Mrd. $ (USA – Quelle: Forschungsdienst US-Kongress)
Afghanistan-Krieg: 8 Mrd. $ (Afghanistan – Quelle: Afghanistan Analytics Network)

Diese unvollständige Aufstellung zieht eine Frage nach sich. Wer das alles bezahlt, ist klar. Aber wer kassiert, das wäre mal interessant zu erfahren. Weil das Geld ja nicht weg ist sondern nur woanders. Aber wo?

Von Rechts wegen blind

Deutschland ist ein merkwürdiges Land. Deutschland leistete sich einen Kanzleramtschef, der ein Kommentator der Nürnberger Rassegesetze war. Deutschland leistete sich einen Vertriebenenminister, der eine zweifelhafte Vergangenheit in NSDAP und Abwehr hatte. Deutschland zahlte Hinterbliebenenpensionen an die Witwe eines VGH-Richters, der nachweislich Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hatte. Deutschland leistete sich einen Bundeskanzler, der bis zum Niedergang 1945 Mitglied der NSDAP war. Deutschland leistete es sich, keinen einzigen der furchtbaren Juristen der Nazizeit juristisch zur Verantwortung zu ziehen.

Daneben gehörte es lange zum guten Ton, den ersten Bundeskanzler der SPD als Vaterlandsverräter zu verunglimpfen, weil er Deutschland während der Nazizeit verlassen hat und den Fraktionsvorsitzenden derselben Partei als Mitglied der fünften Kolonne Moskaus zu beschimpfen, weil er früher Mitglied der KPD war. Ein Bundespräsident, der den 8.Mai 1945 als Tag der Befreiung bezeichnet hatte, wurde nur deshalb von öffentlicher Schelte verschont, weil es zu dem Zeitpunkt unpopulär war, über einen im Ausland geachteten Mann derart kleinbürgerlich herzufallen. Aber die in der Tasche geballten Fäuste und die am Stammtisch gezischten Worte vom “Verräter” gab es gleichwohl.

Des Weiteren war es eine beliebte Floskel, Menschen, die gesellschaftliche Visionen von Gleichheit und Brüderlichkeit verfolgten, aufzufordern, „nach drüben“ zu gehen, zumindest solange, wie es „drüben“ noch gab.

Genau dieses Deutschland, das sich kollektiv auf Terroristenhatz begab, als Randfiguren der 68er-Bewegung in den Untergrund abdrifteten, forderte die Wiedereinführung der Todesstrafe, als die ersten RAF-Prozesse begannen. Dieses Deutschland ist angesichts der mehr als 200 Gewaltverbrechen rechter Schlagetots merkwürdig stumm geblieben. Keine öffentliche Hatz auf Glatzen, keine Fahndungshysterie mit Kopfgeldplakaten á la Baader-Meinhof-Bande. Keine Forderung aus dem Volke nach Verbot von rechten Parteien oder gar nach Todesstrafe für diese hirnlosen Gewaltverbrecher und deren geistige Steigbügelhalter, die klug genug sind, sich im Hintergrund zu halten wie seinerzeit hoch geachtete Personen der deutschen Rechtspflege, die anonym Beiträge für Hetzblätter der rechten Szene schrieben.

Kann es daran liegen, daß die Baaders die Bürger und deren oberste Repräsentanten bedrohten und die Glatzen mit ihrer Gewalt nur Ausländer, Linke und Obdachlose? Menschen, die dem deutschen Standardbürger schon immer zutiefst suspekt waren und sind?

Ist in Deutschland nicht mal ein Bundestagspräsident darüber gestolpert, daß er richtige Dinge am falschen Ort ausgesprochen hatte, indem er dem deutschen Bürgertum klammheimliche Ressentiments gegen in deren Augen Andersartiges unterstellte und damit den Judenhass meinte?
Ist er etwa nicht nur wegen des unpassenden Ortes geschaßt worden, an dem er diese Gedanken ausgebreitet hatte, sondern weil er unangenehme Wahrheiten offen angesprochen hatte?

Deutschland ist nicht einäugig. Das zu behaupten, wäre falsch. Deutschland hatte nach der Radikalkur von 1939 – 45 beide Augen geschlossen. Nach 1945 hat es zuerst nur das linke Auge geöffnet und mit dem rechten etwas geblinzelt, bis dieses 1968 gewaltsam geöffnet wurde. Gleichwohl bleibt auf dem rechten Auge eine latente Sehschwäche erhalten, die offenbar nicht mit Sehhilfen, sondern nur mit Langzeittherapie in den Ursachen zu beheben ist. Und Langzeit ist in diesem Falle wörtlich zu nehmen. 12 Jahre Krankheit und 65 Jahre Rekonvaleszenz sind offenbar noch nicht genug. Im Gegenteil. Die seit den 1970er Jahren langsam besser werdende Sehkraft scheint wieder nachzulassen. Und die Zeitzeugen sterben aus. Wir Nachgeborenen sollten uns endlich für die Weiterführung der Therapie verantwortlich fühlen.

Stuttgart 2011

Die Badener und die Württemberger haben entschieden. Und sie haben richtig entschieden. Jeder. Und jeder für sich. Sie haben entschieden, daß die Planung eines Großprojektes am Willen der Bürger vorbei nicht mehr zeitgemäß ist. Und daher hat die Regierung das einzig Richtige getan, sie hat den weiteren Fortgang des Bahnhofsbaus vom Bürgerwillen abhängig gemacht.

Dieser Bürgerwille ist seit gestern aktenkundig, es hat sich eine Mehrheit für eine Position gefunden, es war keine negative Mehrheit wegen mangelnden Interesses, sondern es war eine positive Mehrheit der abgegebenen Stimmen.

Allerdings eine knappe Mehrheit. In Folge dieser Abstimmung lastet eine große Verantwortung auf den Schultern derer, die für diese Volksabstimmung eingetreten sind und die an ihr teilgenommen haben. Die große Minderheit muß akzeptieren, daß ihre Minderheit zwar groß, aber eben nur eine Minderheit ist. Die Mehrheit muß akzeptieren, daß sie zwar eine Mehrheit, aber eben nur eine knappe Mehrheit hat.

Die Verwendung von Vokabeln wie „Schlappe“ oder dergleichen Schützengrabenprosa aus dem verbalen Werkzeugkasten minderbegabter Parteipolitiker und Parlamentskarrieristen zeigt nur eines: Sie haben es immer noch nicht verstanden. Es geht nicht um Sieg oder Niederlage, es geht darum, für bestimmte Dinge die davon Betroffenen vorher im Einzelfall um Zustimmung zu bitten. Und ich schreibe ganz bewußt „bitten“, da die Betroffenen der Souverän sind, der nichts auf Befehl tut sondern den man eben „bittet“.

Es ist abstoßend, Politiker zu erleben, die eine Entscheidung des Souveräns als Schlappe für jene mit anderer Meinung bezeichnen. Ebenso abstoßend, wie an Wahlabenden triumphierende und Sekt trinkende Parteimitglieder zu erleben. Man fragt sich, was feiern die eigentlich? Sie sollten sich stattdessen still an die Arbeit machen. Dafür wurden sie gewählt.

Das Ergebnis der Volksabstimmung zu Stuttgart 21 heißt:

• Für die Regierung, den Bürgerwillen umzusetzen und den Bahnhof weiter zu bauen. Auch, wenn man es für noch so falsch hält.

• Für die Opposition, sich mit den zukünftigen Problemen auseinanderzusetzen, Stuttgart 21 ist politisch ab sofort Vergangenheit.

• Für die Bürger, Plakate einrollen, nach Hause gehen und sich der Tatsache bewußt werden, daß man soeben einen großen Dienst für die Demokratie geleistet hat.

Die Bürger haben sich die Entscheidungsgewalt von denen zurückgeholt, die diese Entscheidungsgewalt bisher nur geliehen, sie aber nach und nach als ihr Eigentum angesehen hatten. Daß dem nicht so ist, sollte die Lehre aus Stuttgart 21 sein. Für die Beteiligten und für die Zuschauer.

Die Jugend von heute

Ja ja, die Jugend von heute.

Die Jugend von heute interessiert sich nicht mehr für Politik, die interessieren sich nur noch für sich selbst.
Hängen ständig am Handy, zeigen ihr ganzes Leben bei Fatzebuck und Konsorten, machen nur noch Computerspiele, gehen schoppen, sind Markenfetischisten, gucken im Fernsehen nur noch Schmutzprogramme mit asozialen Verlieren in der Hauptrolle, erkennen nur noch Geld und Konsumartikel als erstrebenswert an, können nicht mehr richtig lesen und schreiben, haben keine Werte und Überzeugungen mehr, treten für nichts mehr ein, sind nicht mehr bereit, sich anzustrengen, mißachten die Alten und das, was diese geleistet haben, sind respektlos, egoistisch, nicht mehr zielstrebig.

Eigentlich ist diese Jugend von heute absolut unterirdisch, daneben, inakzeptabel.

Aber die Jugend von heute ist so, weil die Jugend von gestern, also wir, sie so erzogen hat.

Ja ja, die Jugend von heute.

Wohin mit dem Geld ?

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Diese schlichte Lebensweisheit hat sich im Alltag der Wohnburgen in Hamburgs Brennpunkten als korrekt erwiesen. Die stadteigenen Wohnungsgesellschaften haben im Zuge der allgemeinen Baumodernisierung ihrer Betonmenschenställe in jedem Block eine sogenannte Pförtnerloge eingerichtet, in der ein Ansprechpartner für Mieter, vernachlässigte Kinder oder Besucher während der Tageszeit Präsenz zeigt. Das mit diesem Ansprechpartner (auch „Hauswart“ genannt) gleichzeitig bei gelangweiltem Anhang einiger Mieter eine gewisse Hemmschwelle aufgebaut wird, der Langeweile mittels kreativer Umgestaltung der Fassaden etc. Herr zu werden, ist ein weiterer Effekt, der sogar zahlenmäßig belegbar ist: 60% weniger Vandalismus in den Anlagen der städtischen Wohnungsgesellschaften.

Dank der „Reform“ der Sozialstaatsgesetze durch die Regierung Schröder war es den Wohnungsgesellschaften auch möglich, diese Hauswartstellen kostengünstig zu besetzen, in Hamburg werden dafür ausnahmslos sogenannte Ein-Euro-Jobber herangezogen. Das ist aus Steuerzahlers Sicht nicht weiter schlimm, bleibt der damit erwirtschaftete Gewinn der Gesellschaften ja in den Kassen der öffentlichen Hand und wird mit den staatlichen Transferzahlungen für die Ein-Euro-Jobber verrechnet, da die Gesellschaften im Eigentum der Stadt stehen. Ein Null-Summen-Spiel, bei der es offenbar nur Gewinner gibt.
Wer jetzt denkt, ein Grund für den Gedanken der Privatisierung der Gesellschaften könnte auch darin liegen, diese Gelder in Privatkassen umzuleiten, der denkt bestimmt nicht falsch.

Im Mai 2011 beschloß der Senat der Stadt Hamburg, die Ein-Euro-Job-Zuschüsse zu kürzen, da diese Jobs mehrere Nachteile haben:

  1. Arbeitgeber sparen an Löhnen auf Kosten der Allgemeinheit.
  2. Die konkurrenzlos billigen Arbeitskräfte dienen dem Preisdumping und verdrängen teurere Anbieter vom Markt und gefährden die damit
    verbundenen Arbeitsplätze.
  3. Staatliche Unterstützungsleistungen werden direkt in die Kassen von Unternehmen umgeleitet statt Bedürftigen zu helfen.

Der Gedanke hinter dieser Senatsentscheidung ist also durchaus nachvollziehbar, insbesondere, da das eigentliche Ziel dieser sogenannten Billig-Jobs, Langzeitarbeitslosen einen Weg in feste Beschäftigungsverhältnisse zu ebnen, einerseits nicht erreicht wurde und andererseits sogar feste Beschäftigungsverhältnisse gefährdet bzw. vernichtet wurden.

Man könnte nun meinen, daß der Senat, der ja Eigentümer der staatlichen Wohnungsgesellschaften ist, mit gutem Beispiel voran geht und die Billig-Jobs der Hauswartstellen umgehend in feste Arbeitsverhältnisse umwandelt. Weit gefehlt. Im Hamburger Abendblatt vom 16.05.2011 wird die Wohnungsgesellschaft zitiert, die mit großen Krokodilstränen berichtet, daß aufgrund der beschlossenen Kürzungen die Hauswartstellen gefährdet seien und mindesten 100 der 250 Stellen wegfallen müssen, wenn nicht sogar alle. Spätestens an dieser Stelle komme ich mir als politisch denkender und steuerzahlender Mensch vor, als solle ich vorsätzlich hinters Licht geführt werden.

Was hat das jetzt alles mit der Ausgangsfrage „Wohin mit dem Geld“ zu tun? Das will ich ihnen erklären.

Hamburg zählt mindestens vier große Familien zu ihren Einwohnern, deren privates Vermögen vor dem Komma mit mindestens neun Nullen zwischen der vorangestellten Zahl und dem Komma ausgestattet ist. Das sähe dann im ungünstigsten Fall so aus:

1.000.000.000,00

Nun ist es nicht grundsätzlich ein Verbrechen, reich zu sein, auch wenn immer mal wieder die Frage gestattet sei, wo dieser Reichtum konkret herkommt.
Wenn jedoch ein Mitglied dieser Familien in der Ausgabe des Hamburger Abendblattes vom 27.04.2011 mit dem Luxusproblem zitiert wird, keine lukrative Anlage für seine Milliarden zu finden, eine andere Familie, deren Firmen- und Erstwohnsitz steuersparend in der Schweiz liegt, 50.000.000 EUR für den Kauf eines Fußballspielers für ein soziales Projekt hält, anderseits jedoch bei der Rettung einer Traditionsreederei die Hand beim viel geschmähten Staat aufhält, eine dritte Familie einen Luxuskoch für private Feiern exklusiv in die eigene Küche verpflichtet, dann mag man fragen dürfen, ob hier etwas faul ist im Staate Dänemark. Insbesondere, wenn ein einzelner reicher Mann, der diese Situation öffentlich anprangert, von seinen reichen, jetzt muß man wohl sagen Ex-Freunden, als „Nestbeschmutzer“ betitelt wird.

Hamburg kann seine Schulen nicht so ausstatten, wie es für die jüngsten Staatsbürgern auf ihrem Weg ins Leben angemessen ist, Hamburg kann seine Straßen nicht in eine Zustand versetzen, wie es einem Gemeinwesen angemessen ist, Hamburg kann seine Mitarbeiter nicht angemessen bezahlen, Hamburg kann seinen Bürgern auf den Ämtern aufgrund von Personalmangel nicht den Service bieten, der angemessen ist, Hamburg kann kein zukunftsfähiges Verkehrskonzept umsetzen, wie es angesichts der wachsenden Mobilität angemessen ist, Hamburg kann keine Wasserfontaine bezahlen und muß sich der peinlichen Situation aussetzen, jedes Jahr wieder lächerliche 60.000 EUR zusammenzubetteln, Hamburg kann seine Verkehrsinseln nicht mit Blumen bepflanzen sondern nur Unkraut wuchern lassen, Hamburg kann Projekte wie „Jugend in Arbeit“ oder soziale Stadtteilbetreuung nicht finanzieren und nimmt lieber in Kauf, daß Jugendliche in sozialen Brennpunkten sich selbst überlassen bleiben. Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen

Das alles unter gleichzeitiger Errichtung einer Zwei-Stationen-U-Bahn für 500 Mrd. EUR, eines leeren Luxusstadtviertels, eines fast ebenso teuren Konzertsaales, der die ursprüngliche Kostenschätzung mittlerweile um 400% überschritten hat (natürlich zu Lasten der Allgemeinheit) und eines Kreuzfahrtterminals, daß Glanz und Glamour vermitteln soll aber aufgrund der enormen Kosten für die Erstellung in den Randbezirken der Stadt doch nur wieder weitere Verarmung seelische und materieller Art erzeugt. Begleitet von der gebetsmühlenartig vorgetragenen Mantra, weitere Steuersenkungen seien unbedingt notwendig, ja nicht nur das, sie seien sogar alternativlos. Um noch mehr leere Kassen zu produzieren?

Solange der Staat sich seinen Anteil am erwirtschafteten Vermögen nicht da abholt, wo er ist, nämlich bei besagten Familien, solange wird diese Entwicklung weitergehen. Es wird zu weiterer Vermögensumschichtung kommen und es wird der Tag kommen, an dem diejenigen, die diese Vermögen mit ihrer Hände und Köpfe Arbeit erwirtschaften, nicht mehr akzeptieren, daß sie davon immer weniger abbekommen sollen. Dann wird es auf die Frage „Wohin mit dem Geld?“ sicherlich sehr viele höchst individuelle Antworten geben.

Selbstjustiz

Da hockt er nun auf der Anklagebank und erwartet das Urteil. 4 Jahre nach der Tat und quälend langer Ungewissheit. Hilda sitzt dem Mörder ihres Kindes gegenüber. Er hat gestanden. Er hat gesagt, wo er die sterblichen Überreste von Arne verscharrt hat. Seitdem gibt es endlich einen Ort, an dem sie trauern kann.

Ein Kind fast noch. Erst 20 Jahre alt. Aber er hat ihren Sohn ermordet. Mit Vorsatz. Am ersten Prozeßtag, nachdem der Staatsanwalt die Anklage verlesen hatte, legte der Verteidiger eine erschreckende Lebensgeschichte offen. Mißbrauch, Ablehnung, brutale Gewaltexzesse durch den Vater. Dieser Täter ist offenbar seit frühester Kindheit durch die Hölle gegangen.

Der Prozeß hat drei Monate gedauert. Drei Monate, in denen jedes Detail der Tat öffentlich wird. Drei Monate, in dem auch jedes Teil des chancenlosen Lebens des Täters öffentlich wird. Drei Monate, in denen die Presse langsam das Interesse verliert und nur auf das Urteil wartet. Das Urteil, das noch einmal Auflage bringen wird. Drei Monate, in denen ein Entschluß in Hilda heranreift.

Hilda verharrt wie seit dem ersten Prozeßtag im Saal und folgt stumm und regungslos dem Richterspruch und der anschließenden Begründung.

Im Namen des Volkes.

Sie hat wenig Tränen. Die Trauer um Arne hat auch den Rest ihrer Familie zerstört. Frank, ihr Mann, ist nicht in der Lage, das Geschehene anzunehmen. Gefangen in seiner Trauer und in Selbstvorwürfen blieb ihm nur die Einsamkeit. Hilda hat versucht, in den Alltag zurückzufinden.

Nachdem der Richter die Verhandlung für beendet erklärt, verläßt sie das Gerichtsgebäude und fährt mit der Straßenbahn nach Hause. Sie blickt aus dem Fenster und ist froh, daß es vorbei ist. Vorbei die Ungewissheit, vorbei die tiefe Trauer, die einer nie mehr endenden Wehmut gewichen ist. Vorbei auch der abgrundtiefe Haß, der sie beinahe hätte scheitern lassen.

Als sie an einem Kinderspielplatz vorbei fährt, sucht sie in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch. Der kalte Stahl der Pistole läßt sie noch einmal kurz erschauern, dann ist auch dieser Moment vorbei. Sie ist frei.

Klartext!

Was machte Karl Theodor zu Guttenberg beim gemeinen Wahlvolk so beliebt, daß ihm selbst bei nachgewiesenen Verfehlungen die Sympathie der Massen nicht entzogen wurde? Sein Adelstitel? Sein eloquentes Auftreten? Seine vermeintlich „gestyltes“ Erscheinung? Oder war es doch eher sein Hang, Dinge beim Namen zu nennen, auch wenn es einerseits recht plakativ eingesetzt und andererseits „von oben“ nicht gewünscht war? Zugegeben, auch er hat den Krieg in Afghanistan eher verbrämt als solches bezeichnet, aber immerhin hat die Vokabel „Krieg“ mit seiner Betrachtung Einzug in die offizielle Sprachregelung der Regierung gehalten.

Was ist es, das Menschen davon abhält, offen zu sagen was sie denken, während sie gleichzeitig, wie aktuell bei der Reaktorkatastrophe in Japan zu beobachten, mit Superlativen, und seien sie noch so unsinnig, um sich werfen, um Zustände zu beschreiben, die sowieso jeder sehen und bewerten kann?

In der Politik ist es klar. Jeder Politiker lebt, anders als noch Strauss, Wehner oder Schmidt, ständig in der Angst, nicht auf der Höhe des Zeitgeistes zu sein und damit vermeintlich seine Wiederwahl und seine Existenzgrundlage zu verlieren. Außer Politik können eben viele nichts und noch nicht mal das wirklich gut.

Aber dieses Phänomen ist auch außerhalb dieses Mikrokosmos zu finden. Political Correctness ist der amerikanisch geprägte Terminus dafür. Die Vermeidung, mit der eigenen Meinung evtl. jemand anderen zu verletzen, weil dieser eine andere Meinung hat, das Anliegen, das dahinter steckt. – Könnte man meinen. Aber ist es wirklich an dem?

Schauen wir zurück. Genauer gesagt bis 1984; oder besser 1949, dem Erscheinungsjahr besagten Romans. Dort wird eine Behörde beschrieben, die es zur Aufgabe hat, Worte und Satzteile, deren Inhalte aus dem sprachlichen Kontext negativ besetzt sind, gegen positiv klingende Worte auszutauschen. Aus „sehr schlecht“ – das negativ besetzte Wort „schlecht“ wird durch das neutrale „sehr“ in seiner negativen Wirkung noch verstärkt – wird „doppelplusungut“. Die einzige negative Silbe „un“ wird durch die vorgestellten positiven Worte „doppel“ und „plus“ vorbereitend relativiert und durch das nachgestellte „gut“ weiter abgeschwächt.

Das macht deutlich, daß hinter „Political Correctness“ nicht ausschließlich philanthropische Absichten zu vermuten sein könnten. Vielmehr sieht sich dieses moderne Neusprech dem Verdacht ausgesetzt, den Bürger über wahre Absichten, Folgen oder Zustände gezielt hinters Licht zu führen.

Unfälle in Kernkraftwerken werden dann zu „Störfällen“ (In Japan sprach man selbst nach der zweiten Explosion noch von einem Störfall), Entlassungen von Mitarbeitern zu „Freisetzungen“, Kriege zu „Konflikten“ oder allenfalls zu „bewaffneten Konflikten“ und zerfetzte und krepierende Soldaten zu „Gefallenen“.

Andererseits, deutlich zu sagen, was man denkt und meint, ohne Blatt vor dem Mund und auch ohne Angst, dafür Gegenwind zu ernten, ist jedermanns Sache nicht. Nicht jeder ist ein Thilo Sarrazin, ein Ralph Giordano oder ein Henryk M. Broder, die sich mit provokanten Thesen einem Trommelfeuer von selbst ernannten Meinungsführern ausgesetzt sehen, deren Meinungen ob ihrer Beliebigkeit im Grunde gar nicht klar zu erkennen sind.
Vielleicht auch das ein Grund für den Hang, lieber in Verbrämung statt im Klartext zu reden.

Aber ist der Bürger tatsächlich so darauf erpicht, von allem nur die weichgespülten Versionen zu erfahren? Hält er die klar formulierte und mitunter pointiert zugespitzte Meinung gar nicht mehr aus?
Ich glaube, wie man am Beispiel Sarrazin und Guttenberg erkennen kann, nein!. Der Bürger will endlich Menschen, die ihm Wahrheiten und Meinungen sagen, und seien sie noch so subjektiv gefärbt. Die mit klarer Kante die Möglichkeit zur Gegenrede schaffen. Die Gespräche, Diskussionen und vor allem auch Diskurse zulassen oder gar provozieren. Die Standpunkte beziehen, die man angreifen, gegen die man argumentieren und die man zur Not auch einnehmen kann, wenn die Argumente des Gegenübers als die besseren erkannt werden.

Um evtl. Einwenden gegenüber zu treten, nein, ich halte die inszenierten Gladiatorenrunden in den öffentlich-rechtlichen Bedürfnisanstalten von Will, Maischberger, Illner oder Plasberg nicht für echte Diskurse. Dafür sitzen dort zu viele mediengerechte Maulhelden aus der Politik und Wirtschaft, die seit Jahren keine produktive Arbeit mehr leisten sondern nur noch bezahlte Verbalakrobatik in quotenorientierten Kampfarenen betreiben. Sie sind Teil der Show und damit des Problems aber nicht mehr Teil der Lösung.

Stellung beziehen, ist das, was der Bürger von seinen Mitbürgern, ob oben oder unten, erwartet. Weil wir alle genau diese Stellungen und Haltungen anderer zur eigenen Standortbestimmung benötigen.

Das ist die Botschaft der Bürger an die Politik. Bezieht endlich Stellung. Auch auf die Gefahr hin, mit dieser Haltung in die Minderheit zu geraten. Mit Argumenten kann man daraus auch wieder Mehrheiten gewinnen. Und wenn ihr nicht Stellung bezieht, dann tun wir es. Wie in Stuttgart zum Thema Bahnhof, im Wendland zum Thema Atomkraft, in Hamburg zum Thema Schulpolitik, auf allen Plätzen und Märkten zu jedem beliebigen anderen Thema.
Mit Wischi-Waschi verliert sich der Glaube in die Kraft der Demokratie. Daß diese dabei irgendwann auf der Strecke bleibt, gilt es zu verhindern. Das geht uns alle an.

In diesem Sinne: Klartext reden!

Angst essen Seele auf

Diesen Satz legte einst Rainer Werner Fassbinder seinem Protagonisten im gleichnamigen Spielfilm als Volksweisheit in den Mund. Volksweisheiten, so kann man sicher sein, tragen immer mindestens ein Körnchen Wahrheit in sich, entstanden sie doch aus langer Erfahrung vieler Menschen über viele Jahre und drücken eine Erkenntnis dieser Menschen aus, die irgendwann zum allgemein anerkannten Faktum geworden ist.

Angst ist ein Grundgefühl, das gerade den Deutschen von anderen Nationen immer als typisch nachgesagt wird, so daß im angloamerikanischen Sprachraum gern von der „German Angst“ gesprochen wird. Aber ist die „German Angst“ wirklich das, was man landläufig unter Angst versteht?

Sieht man sich diese „German Angst“ näher an, stellt man fest, daß es sich bei diesem Zustand weniger um eine generelle Gefühls- oder Seelenlage handelt, als vielmehr um eine aus der deutschen Geschichte resultierende, rational begründete, Grundskepsis gegenüber allem, was mit der Werbung entliehenen emotionalen Verstärkungsvokabeln verbunden ist.

Eigenartigerweise ist gerade in konservativen Kreisen diese Skepsis immer wieder Gegenstand heftiger Kritik an eben jenen Skeptikern, die dann gern mit Schmähungen wie Zukunftsverhinderer, Fortschrittsverweigerer und Ähnlichem belegt werden. Die oben schon beschriebene Wortschöpfung der „German Angst“ ist dabei ein beliebtes Mittel, mit Hinweis auf die zukunftsfähigen Angloamerikaner jene Skeptiker als rückständig zu brandmarken. „Seht nur, das Ausland lacht schon über uns.“ Nebenbei: Besser lachen, als begründet ängstlich zu den Waffen greifen, wie im vergangenen Jahrhundert mehrfach geschehen.

An dieser Stelle seien zwei Hinweise gestattet.

1. Nach dem Zusammenbruch der zukunftsträchtigen Finanzmärkte in eben diesen Ländern findet deren angeblicher Vorbildcharakter hinsichtlich der Zukunftsfähigkeit erstaunlicherweise etwas seltener Eingang in die allgemeine Argumentation jener konservativen Kreise.

2. Gerade dem Volk der Amerikaner, das allen Zukunftstechnologien mit einer geradezu niedlichen und kindlichen Unbekümmertheit entgegen blickt (man denke nur an die tausenden Soldaten, die sich die erste A-Bomben-Explosion in Neu-Mexiko aus nächster Nähe angeschaut haben), wohnt andererseits eine derartig starke, rational nicht zu fassende, Grundangst vor Gewalt, Unfreiheit und Kriminalität inne, daß der aufgeklärte und weniger bibelfeste Mitteleuropäer nur belustigt bis mitleidig den Kopf schüttelt.

Warum aber ist es nun eigenartig, daß die als Angst bezeichnete Skepsis der Deutschen gerade von Konservativen so vehement bekämpft wird?

Nun, sehen wir uns die Nachrichten und Verlautbarungen der letzten Monate an.
Der Innenminister spricht von möglichen Terroranschlägen auf deutsche Bahnhöfe und Flughäfen. Der Verteidigungsminister spricht von Gefahr für die Bundeswehr in den Feldlagern. Die Länderinnenminister von Hessen und Niedersachsen sowie der Innensenator von Hamburg reden von der Notwendigkeit, sich mittels militärischen Mitteln gegen diverse, wie auch immer geartete Bedrohungen von Terroristen zur Wehr zu setzen. Alle diese Verlautbarungen immer garniert mit dem Hinweis, daß kein Grund zur Panik bestehe. Aber Angst haben sollen wir schon. Sonst wäre es nicht notwendig, diese Nachrichten in der Öffentlichkeit zu plazieren. Der Innenminister von Baden-Württemberg hält sich übrigens bei dieser Thematik aus naheliegenden Gründen etwas zurück.

Und was passiert? Das Volk der ängstlichen Skeptiker bleibt völlig gelassen. Von Angst keine Spur. Im Gegenteil. Befragungen auf der Straße zeigen, daß das Volk offenbar sogar belustigt ist von dem hilflosen Versuch der konservativen Scharfmacher, den Boden für die Einführung von Militäraktionen im Innern und erneutem Eingriff in die Bürgerrechte zu bereiten. Niemand hat es gesagt, aber zwischen den Zeilen manches Interviewpartners auf der Straße stand der Satz: „Die armen Irren“, und damit waren nicht die fiktiven Terroristen gemeint. Als die Angstverkäufer nicht den gewünschten Erfolg erreichten, erfolgte ein weiterer Versuch; mit gefundenen Druckerbomben in Frachtflugzeugen sollte die Terrorgefahr greifbarer werden. Dieser Versuch verpufft ebenso. Bleibt zu hoffen, daß es bei diesem letzten Versuch bleibt und nicht weitere Szenarien „aufgedeckt“ werden. Vielleicht sollte das Volk wenigstens mal ein ganz klein wenig Angst zeigen.

Ein weiterer Themenkomplex ist die schon 2009 mit viel medialer Begleitung erste Welle der Schweinegrippe, bei der es ein eklatantes Mißverhältnis zwischen dem Bedürfnis der Pharmaindustrie nach Absatz von Impfstoffen und der Bereitschaft der Bürger nach Impfungen gab, was zu einer sich immer mehr verstärkenden Informationskampagne seitens der Politik und der Industrie führte, ohne den erhofften Erfolg zu zeitigen. Momentan rollt gerade der Impfkampagne zweiter Welle, werbewirksam untermalt von zwei Toten und einem vor Betroffenheit triefenden Auftritt einer Ministerin. Polemischer Einwurf am Rande: Wann werden die Bürger gegen Unfalltod geimpft? Oder gegen Herzinfarkt ?
Aber auch jetzt wieder, von Angst oder gar Panik keine Spur. Nur von Skepsis.

Skepsis ? War da nicht was? Jetzt sieht man das Problem der Konservativen deutlich. Konservative haben eine starke Affinität zu Eliten und sehen es gern, wenn diese Eliten Entscheidungshoheit für den Rest des Volkes haben. Da diese Entscheidungen nicht immer mehrheitsfähig sind, haben die Römer das Mittel „Brot und Spiele“ angewendet, Orwell beschreibt in seinem Standardwerk die Vorteile des Mittels „Angsterzeugung“.

Erzeugen von Angst ist ein sehr wirksames Hilfsmittel, Menschen zu etwas zu bringen, was sie unter normalen Umständen nicht tun würden. Angst schaltet den Verstand und das Denken aus. Skepsis dagegen basiert gerade auf der ordnungsgemäß funktionierenden Verstandesmaschine und setzt den Denkprozeß in Gang. Wer denkt, der ist. Und wer ist, der ist mündig. Und wer mündig ist, der ist aufgeklärt und stellt Fragen. Fragen, deren Beantwortung nicht immer im Sinne der Befragten und der Eliten ist. Mitunter werden Fragen dann mit Wasserwerfern beantwortet, das kann die Frager möglicherweise eine Weile ablenken. Aber daraus es ergeben sich neue Fragen. Und es erscheinen in der Regel noch mehr Frager, die Antworten erwarten.

Angst essen Seele auf, Skepsis dagegen stärkt den Verstand und damit das Bewußtsein und letztlich auch die Seele. Man mag es da mit jenen Galliern aus der Bretagne halten, die nichts fürchteten, als das ihnen der Himmel auf den Kopf fiele. Dazu noch eine alte Volksweisheit: Bange machen gilt nicht!

Der Feind im Innern

Mitunter kommt es vor, daß es Diskrepanzen zwischen den Ansichten von Arbeitgebern und Arbeitnehmern über die angemessene Bezahlung für geleistete Arbeit gibt. Um in dem auf diese Diskrepanzen naturgemäß folgenden Diskurs der ebenso naturgemäß etwas schwächeren Argumentation der Arbeitnehmer den notwendigen Nachdruck zu verleihen, gibt es Zusammenschlüsse dieser Arbeitnehmer, landläufig Gewerkschaften genannt, die in der Vergangenheit gern das Attribut Geißel oder Segen, je nach Blickwinkel des Betroffenen, angehängt bekommen haben.

Ein Mittel dessen sich diese Gewerkschaften gern bedienen, um diesen Nachdruck zu erzeugen, ist der Streik. In freiheitlichen Verfassungen als legitimes Mittel des Arbeitskampfes manifestiert und daher auch unter freiheitlich denkenden Menschen und Demokraten ohne Zweifel als solches akzeptiert.

Mitunter jedoch versteigen sich selbst solche Menschen zu der Annahme, daß es, insbesondere wenn sie selbst unmittelbar betroffen sind, eigentlich auch ohne solche Gewerkschaften und Streiks gehe, da man ja nicht mehr im Mittelalter lebe und die Zeit der manchesterkapitalistischen Ausbeutung lange vorbei sei. Über letzteres ist noch an anderer Stelle zu diskutieren, da sich auch hier die Ansichten mitunter diametral gegenüber stehen.

Die spanischen Fluglotsen, für die höchste Bezahlung innerhalb der Europäischen Kollegenschaft von ebendieser beneidet, hatten sich die Freiheit genommen, zur Verdeutlichung ihrer Ansicht, daß die höchste Bezahlung aller Fluglotsen noch lange nicht gleichbedeutend mit ausreichender Bezahlung sein muß, einen unangekündigten Streik zu beginnen, was den europäischen Luftverkehr ähnlich in Mitleidenschaft zog wie der, übrigens genauso unangekündigte, Ausbruch jenes unaussprechlichen Vulkans in Island vor einiger Zeit.

Nun hat die spanische Regierung nicht etwa den Weg an den Verhandlungstisch gewählt oder gar die Gehälter der Fluglotsen angehoben. Nein, sie hat sich eines Reliktes der spanischen Verfassung aus der Franco-Ära bedient, daß bei der Aufnahme der Spanier in den EU-Vorläufer übersehen oder von den anderen europäischen Ländern bewußt nicht zur Kenntnis genommen worden ist, um die Widerspenstigen zu zähmen.

Mit militärischen Mitteln wurden die Lotsen quasi gezwungen, ihren Dienst wieder zu verrichten, gar so, als sei der nationale Notstand mit der Gefahr zehntausender Opfer ausgebrochen und nicht nur die Verspätung einiger, sagen wir mal, intellektuell benachteiligter Malle-Säufer.

Befragte Urlauber hatten natürlich vollstes Verständnis für diese Maßnahme der spanischen Regierung wie man vielerorts immer Verständnis hat, wenn jemand den Gegenstand eigenen Ungemachs gewaltsam aus dem Weg räumt. Eine Variante des St. Florian-Prinzips. Die Frage nach Angemessenheit oder Legalität unterbleibt dabei in der Regel. Es wäre an dieser Stelle interessant, ob die Befragten auch so verständnisvoll reagieren würden, wenn ihren eigenen Bemühungen um angemessene Bezahlung mit ähnlich rüden Methoden, Methoden übrigens, wegen der der Türkei die Mitgliedschaft in der EU dauerhaft verweigert wird, begegnet würde.

Dieses Vorgehen der spanischen Regierung, von der europäischen Medienlandschaft übrigens mit recht zurückhaltender Berichterstattung begleitet, ist jedoch symptomatisch für die Innen- und Sicherheitspolitiker der EU-Länder. Und es beweist, daß diese, sollten sie aus ihrer Sicht adäquate Mittel in die Hand bekommen, diese auch anwenden werden. Immer mit dem Hinweis, daß ihnen das Volk diese Mittel ja schließlich (mit der letzten Wahl, bei der diese Änderungen der Gesetze gar nicht zum Thema gemacht wurden) an die Hand gegeben hat. Ein kurzer Seitenblick nach Stuttgart oder Gorleben sein an dieser Stelle gestattet.

Die Väter und Mütter des Grundgesetzes haben, geprägt von tiefem Mißtrauen auch und gerade gegenüber demokratisch legitimierten Politikern, mit denen sie aus der Weimarer Zeit ungute Erfahrungen verbanden, Korsettstangen in das Grundgesetz eingezogen, die es schwer bis unmöglich machen, derlei freiheitswidrige Gesetze in Deutschland zu etablieren. Versuchen es interessierte Kreise allen Warnungen zum Trotz dennoch, bekommen sie in der Regel die Quittung aus Karlsruhe.

Dazu bedarf es entsprechender Menschen, die Zeit und Mühe aufwenden, diese Auseinandersetzungen nach Karlsruhe zu tragen. So wie die Spezies der Gesetz-und-Ordnungspolitiker nach der Devise „steter Tropfen höhlt den Sten“ verfahren, so muß das Volk und die Politiker, die sich dem Grundgesetz in seiner ursprünglichen Zielrichtung verpflichtet fühlen, ebenso stetig die Freiheit gegen jeden Versuch verteidigen, sie einzuschränken. Jeden Tag, jede Stunde, immer und überall. Das Beispiel Spanien zeigt, daß man nie sicher sein kann.