Wer von uns ohne Schuld ist …

Ein alter Mann schreibt einige Zeilen, veröffentlicht diese und es erhebt sich ein Sturm, der mit Entrüstung nur unzureichend beschrieben ist.

Wer ist dieser alte Mann. Ein Mann, der in seiner frühesten Jugend das Pech gehabt hat, in eine Organisation eingezogen zu werden, die als Handlanger für das monströseste Verbrechen seit Menschengedenken fungiert hat. Er war weder freiwillig da, noch hat er in späteren Jahren auch nur den Anflug eines Verdachtes genährt, sich auch nur ansatzweise mit den Zielen dieses Verbrecherhaufens identifiziert zu haben.

Jahre später steht er für das andere, das geläuterte Deutschland, ist dessen mahnendes Gewissen, vermutlich auch aus dem, leider allzulange verschwiegenen, Wissen um die eigene Vergangenheit und wie leicht man Teil eines mörderischen Systems werden kann.

Diesem Mann wurde, spät aber immerhin, die Ehre des Literaturnobelpreises zu Teil, er steht in einer Reihe mit Gerhart Hauptmann, Thomas Mann und Heinrich Böll.

Dieser Mann schreibt ein paar Zeilen, in denen er sich Gedanken über die Zukunft macht, die Zukunft, die gerade jetzt unter dem Eindruck eines drohenden Atomkrieges im Nahen Osten wieder jene düstere Endzeitattitüde zu bekommen scheint, mit der wir die 70er und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts verbinden, in denen sich Systeme gegenüberstanden, die in der Lage waren, sich 64mal zu vernichten. Als ob einmal nicht genügt hätte.

Man kann über den Inhalt des Gedichtes trefflich streiten. Ob Israel, oder doch vielleicht der Iran, oder gar die NATO mit ihrer abenteuerlichen Parteinahme im Aufstand der Libyer gegen Gaddafi den Weltfrieden gefährden. Ich denke, man kann, je nach Blickwinkel, zu immer wieder anderen Ergebnissen kommen.

Darum geht es mir jedoch nicht. Mir geht es um die Art, in der die bundesdeutsche Öffentlichkeit oder besser gesagt, die bundesdeutsche veröffentlichte Öffentlichkeit auf diese Zeilen reagiert.

Die einen, bar jeden Talents, einen geraden Satz zu Papier geschweige denn, ins Mikrofon zu bringen, sprechen dem vom Verfasser Gedicht genannten Text jegliche Schöpfungstiefe ab, bezeichnen es gar als unliterarisches Geschreibsel oder „Leserbrief“.

Andere wiederum, die in ihrer Jugend Musikgruppen gemanaged haben, die in ihren Liedtexten zu Gewalt aufgefordert haben oder die Mitglieder in von einem mörderischen Grenzregime finanzierten kommunistisch Kadergruppen waren oder die mit Steinen in der Hand gegen „das Establishment“ anprotestiert haben, sind sich nicht zu blöde, mit staatstragender Miene auf die SS-Vergangenheit des Verfassers hinzuweisen, immer frei nach dem Motto, wenn zwei das Gleiche tun, ist es lange noch nicht das Gleiche.

Sie alle nehmen für sich in Anspruch, ihre eigenen Jugendsünden möge man ihnen bitte vergeben, sie seien heute geläutert, einem 17jährigen unfreiwilligen SS-”Mann” jedoch wollen sie diese Vergebung nicht zugestehen. Im Gegenteil, sie gebärden sich wie Inquisitoren im tiefsten Mittelalter.

Wer sind diese Menschen, die sich selbst auf ein Podest begeben, von dem aus sie die Welt betrachten, völlig abgehoben, von eigenen Fehlern befreit und mit einer Moral ausgestattet, die sie gegen andere kehren, gegen sich selbst jedoch nie gelten lassen würden?

Die mit ihrer unseligen „political correctness“ gegen jede abweichende Meinung zu Felde ziehen und sie mit Totschlagargumenten wie „Antisemitismus“ oder „Antizionismus“ zu unterdrücken versuchen? Die mittlerweile eine System von Gesinnungsschnüffelei etabliert haben, die es nicht einmal möglich machen, Unrecht als Unrecht zu bezeichnen, wenn es jemand tut, den man in ihren Augen nicht kritisieren darf?

Es sind die, die einst angetreten. sind, unseren Großeltern Fragen nach deren Verantwortung für millionenfaches Leid zu stellen und sie zur Antwort zu zwingen, um zu verhindern, das jemals wieder so ein Ungeist der Angst, Gedankenunfreiheit oder Unterdrückung von Meinungen entsteht, wie in den Nazijahren in Deutschland.
Wir sind weit davon entfernt, je wieder solche Zustände in Deutschland zu bekommen. Wir sollten uns aber darüber im Klaren sein, daß Diktaturen im Kopf entstehen. Und zwar dann, wenn man bereit ist, andere Meinungen nicht mehr zuzulassen bzw. deren Verbreitung verbieten zu wollen. Schon das Wollen ist der Sündenfall. Das Tun ist nur die logische Folge.

Und wir sollten uns hüten, den Inhalt eines Textes dazu zu benutzen, den Menschen, der ihn verfaßt hat, zu verunglimpfen und ihm die Ehre abzuschneiden. Das führt geradewegs in die geistige Bücherverbrennung.

Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Und wer von uns ohne Schuld ist…

Führung und Verantwortung

Oha, mag mancher denken, was kommt denn jetzt? Das klingt verdächtig nach Militär, Preußen oder sonstigen ollen Kamellen, mit denen wir eigentlich nichts mehr zu tun haben wollen.

Ist das tatsächlich so?

Zunächst der Versuch einer Begriffsklärung. Was ist Führung? Und da es hier um Menschen gehen soll, was ist Menschenführung?

Kurz und prägnant: Menschenführung ist der Versuch eines Einzelnen oder einer Gruppe, steuernd und richtungsweisend mit Hilfe von Führungsinstrumenten wie Zielvereinbarungen, Delegation etc. auf eigenes [sic!] und fremdes Handeln einzuwirken.

Nächste Frage: Was ist Verantwortung?

Man kann es wissenschaftlich oder juristisch ausdrücken, ich versuche es mit dem gesunden Menschenverstand. Ich tue oder unterlasse etwas. Daraus entstehen Folgen. Für diese Folgen bin ich ursächlich verantwortlich. Zugegeben sehr eindimensional, aber im Kern ist es genau so.

Bringe ich diese beiden Begriffe nun zusammen, dann bin ich auch für das, was ich mittels Führung von anderen tun lasse, indem ich sie zu dem Tun veranlasse, verantwortlich. Allerdings ist das keine Einbahnstraße. Dazu weiter unten Näheres. Das ist in aller Kürze das System von Führung und Verantwortung.

Bleibt die Frage, sind das wirklich olle Kamellen? Ist das wirklich auf Militär und Preußen beschränkt und damit etwas, was Lafontaine seinerzeit als Sekundärtugenden geschmäht hat, mit denen man auch ein KZ betreiben könne?

Ich meine, nein! Gerade in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs, wie wir sie nach dem Zusammenbruch des Versuchs, der vermeintlichen Gleichheit der Menschen politischen und gesellschaftlichen Rahmen zu verleihen, erleben, sind diese Dinge wichtiger denn je.

Menschen verlangen seit jeher, eben weil sie nicht so gleich sind, wie mancher sie gern hätte, nach Führung und Verantwortung. Führung, weil sie in Krisensituationen, abseits von Schwarmintelligenz, die alle weglaufen läßt, wenn Gefahr droht, eben nicht alle immer genau wissen, was zu tun ist. Und Verantwortung, weil sie jemanden benötigen, der diese trägt, insbesondere, wenn etwas schief geht. Ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit dazu. 1945 wollten alle alles Hitler in die Schuhe schieben und niemand wollte es gewesen sein, als die Frage nach den Wählern der NSDAP 1932/33 gestellt wurde.

An dem Beispiel zeigt sich, wie sensibel mit diesen Begriffen umgegangen werden muß und wie untrennbar sie miteinander verbunden sind. Man hatte den Nazis 1933 die Macht verliehen, die Verantwortung für die Art von „Führung“, die diese dann daraus ableiteten, wollte man aber äußert ungern übernehmen. Soviel zu dem Thema, Verantwortungsdelegation ist keine Einbahnstraße.

Gleichwohl verlangen auch heute die Menschen nach Führung. Weniger in Form von militärischen Kommandos oder zackigem Auftreten als vielmehr durch vorbildhaftes Verhalten und moralischer Integrität. Und das umso mehr, als sie selbst immer weniger in der Lage oder Willens sind, dieses vorbildhafte Verhalten an den Tag zu legen. Die Menschen verlangen heute von dem Führungspersonal ein Maß an Integrität und Perfektion, daß sie gegen sich selbst nie gelten lassen würden. Und sie verlangen es mit einer Vehemenz und Unnachgiebigkeit, die mitunter das Fürchten lehrt.

Was kann man daraus lernen? Oder besser, wie kann man dem begegnen?

Zuerst einmal ist festzustellen, daß das alte Sprichwort, daß der Fisch immer am Kopf zuerst stinkt, zwar nach wie vor seine Gültigkeit hat, aber nur die halbe Wahrheit ist. Wenn eine Führungsperson sein eigenes Fehlverhalten damit rechtfertigt, daß es alle anderen ja auch so machen, dann ist er als Führungsperson schon so ausreichend disqualifiziert, daß man darüber nicht weiter reden muß.
Es zeigt aber auch, daß in den Führungsetagen eine Haltung angekommen ist, die im Volk schon vorhanden ist und sich irgendwann an die Spitze entwickelt hat. Man rechtfertigt sich in seinem Fehlverhalten gegenseitig und reduziert das Fehlverhalten auf eine feste Größe, gegen die man „nichts machen“ kann.

Kann man wirklich nichts machen?

Wieder ein altes Sprichwort: Wenn jeder vor seiner eigenen Tür kehrt, ist es überall sauber. Stimmt! Um Mißverständnissen vorzubeugen: Es ist nicht gemeint, daß man sich nicht mehr einmischen soll, wenn irgendwo Unrecht geschieht. Gemeint ist: Ich muß mein eigenes Verhalten reflektieren.

Kann ich mit meinem Verhalten bestehen vor dem Anspruch, den ich an andere habe? Woher kommt mein Anspruch an andere? Aus mir selbst? Aus allgemeinen Normen? Aus der Lehre von Moral und Ethik? Aus der Religion? Aus meinem unerfüllbaren Wunsch an mich selbst nach Perfektion? Was tue ich, um diesen Ansprüchen gerecht zu werden? Wie gehe ich mit mir um, wenn ich es nicht schaffe, diesen Ansprüchen gerecht zu werden?

Diese Fragen gilt es, individuell zu beantworten. Jeder für sich und ohne Öffentlichkeit. Danach kann man die Verantwortung, jemanden zu wählen, der dann seinerseits die Führung übernimmt, möglicherweise etwas leichter tragen und auch genauer hinsehen, bevor man die Verantwortung für Handeln im eigenen Namen in Teilen aus der Hand gibt.

Und mit Sicherheit reifen dann wieder vermehrt Führungskräfte heran, die, wie seinerzeit Helmut Schmidt bei der Flutkatastrophe in Hamburg, bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und dabei ohne Ansehen der eigenen Person und ohne Blick auf die persönlichen Konsequenzen das tun, was sie für notwendig erachten. Und die willens und bereit sind, sich dafür hinterher auch zur Rechenschaft heranziehen zu lassen. Oder gar wie Willy Brandt, der als Bundeskanzler die Verantwortung für das Fehlverhalten anderer übernahm und schuldlos zurücktrat.

Und dann wird es möglicherweise auch nicht mehr dazu kommen, daß Menschen sich zu solch unwürdigen Schauspielen wie Pro-Guttenberg- oder Kontra-Wulff-Demonstrationen zusammenfinden, weil sich so ein Unfug von selbst verbietet.

Das Leben

So zeitig wie heute waren sie selten zusammengekommen. 8:30 Uhr in der Früh war sonst nicht üblich. Heute Morgen waren sie mal wieder alle beisammen. Michael, Peter, Uwe, Klaus und auch Heinz.

Die letzte gemeinsame Unternehmung fand zum Anlaß von Michaels 50. Geburtstag statt, der nun auch schon wieder sieben Jahre zurücklag. Man hatte sich schon gestern getroffen, um über die alten Zeiten zu quatschen. Nach etwa einer Stunde gegenseitiger Erinnerungen an Sauftouren, angeblich eroberter Damen und dergleichen, was Männer sich mit verklärtem Blick auf die Vergangenheit so vorprotzen war man aber doch in der Gegenwart angelangt.

Angelangt bei verpaßten Chancen, abgelegten Lieben und erlangten Erfolgen.

Klaus, der mal eine große Musikerkarriere geplant hatte, wie ein Wilder auf seiner ersten Gitarre herumgeschrammelt hatte und es mit enormem Übungsaufwand aber begrenztem Talent immerhin zu einem Mitglied in der örtlichen Bluesband geschafft hat, bei der er sich ganz passabel schlägt.

Michael, der schon zu Zeiten des jugendlichen Aufruhrs immer zur Besonnenheit gemahnt hatte, ständig kontrolliert durchs Leben ging, immer alles im Griff zu haben schien, dann aber doch, als er die Liebe seines Lebens einem Bankangestellten aus der Nachbarstadt überlassen mußte, die Kontrolle über sich und sein Leben verlor und zum Alkoholiker wurde. Heute glücklicherweise trocken und wieder mit beiden Beinen auf dem Boden.

Peter, der, in Jugendjahren immer unangepaßt und rebellisch gegen alles und jeden aufbegehrend, heute ein Leben führt, das so weit weg von seinen alten Idealen ist, daß er sie kaum noch sieht. Aber er ist glücklich und im Grunde seines Herzens immer noch unangepaßt. Nur das Rebellische hat gegen Altersmilde getauscht.

Uwe, der immer zielstrebig, bestimmt und geradlinig durchs Leben ging, bei der Bundeswehr war, später eine zweite Karriere startete und nach allerlei Wirrungen und zwischenzeitlichen Selbstzweifeln heute da ist, wo er immer hin gewollt hat, bei sich.

Und Heinz.

Heinz hatte immer das Ziel, es allen zu zeigen. Seinem Vater, seinen Lehrern, seiner Frau, seinen Kindern. Eben allen. Heinz kämpfte sein Leben lang. Um Anerkennung, um seine Ziele, um seine Karriere. Das Leben ist ein ständiger Kampf, war einer seiner Sprüche. Dem Kampf hat er alles untergeordnet. Und immer alles geplant.

Bis auf den heutigen Tag. Auf den war er nicht vorbereitet.

„Und nun begleiten wir unseren Freund, Ehemann und Vater, Heinz Bornkamp auf seinem letzten Weg zur ewigen Ruhe“, reißt der Pfarrer sie aus ihren Gedanken. Still erheben sich die verbliebenen Freunde und folgen hinter Marlene und den Kindern dem Sarg.

Heinz war nur 58 Jahre alt geworden. 58 Jahre Kampf waren beendet. Wofür?

Was kostet Krieg

Irak-Krieg: 3.700 Mrd $ (USA – Quelle: Watson Institut for International Studies)
Afghanistan-Krieg: 17 Mrd. EUR (Deutschland – Quelle: DIW)
Afgahnistan-Krieg: 450 Mrd. $ (USA – Quelle: Forschungsdienst US-Kongress)
Afghanistan-Krieg: 8 Mrd. $ (Afghanistan – Quelle: Afghanistan Analytics Network)

Diese unvollständige Aufstellung zieht eine Frage nach sich. Wer das alles bezahlt, ist klar. Aber wer kassiert, das wäre mal interessant zu erfahren. Weil das Geld ja nicht weg ist sondern nur woanders. Aber wo?

Von Rechts wegen blind

Deutschland ist ein merkwürdiges Land. Deutschland leistete sich einen Kanzleramtschef, der ein Kommentator der Nürnberger Rassegesetze war. Deutschland leistete sich einen Vertriebenenminister, der eine zweifelhafte Vergangenheit in NSDAP und Abwehr hatte. Deutschland zahlte Hinterbliebenenpensionen an die Witwe eines VGH-Richters, der nachweislich Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hatte. Deutschland leistete sich einen Bundeskanzler, der bis zum Niedergang 1945 Mitglied der NSDAP war. Deutschland leistete es sich, keinen einzigen der furchtbaren Juristen der Nazizeit juristisch zur Verantwortung zu ziehen.

Daneben gehörte es lange zum guten Ton, den ersten Bundeskanzler der SPD als Vaterlandsverräter zu verunglimpfen, weil er Deutschland während der Nazizeit verlassen hat und den Fraktionsvorsitzenden derselben Partei als Mitglied der fünften Kolonne Moskaus zu beschimpfen, weil er früher Mitglied der KPD war. Ein Bundespräsident, der den 8.Mai 1945 als Tag der Befreiung bezeichnet hatte, wurde nur deshalb von öffentlicher Schelte verschont, weil es zu dem Zeitpunkt unpopulär war, über einen im Ausland geachteten Mann derart kleinbürgerlich herzufallen. Aber die in der Tasche geballten Fäuste und die am Stammtisch gezischten Worte vom “Verräter” gab es gleichwohl.

Des Weiteren war es eine beliebte Floskel, Menschen, die gesellschaftliche Visionen von Gleichheit und Brüderlichkeit verfolgten, aufzufordern, „nach drüben“ zu gehen, zumindest solange, wie es „drüben“ noch gab.

Genau dieses Deutschland, das sich kollektiv auf Terroristenhatz begab, als Randfiguren der 68er-Bewegung in den Untergrund abdrifteten, forderte die Wiedereinführung der Todesstrafe, als die ersten RAF-Prozesse begannen. Dieses Deutschland ist angesichts der mehr als 200 Gewaltverbrechen rechter Schlagetots merkwürdig stumm geblieben. Keine öffentliche Hatz auf Glatzen, keine Fahndungshysterie mit Kopfgeldplakaten á la Baader-Meinhof-Bande. Keine Forderung aus dem Volke nach Verbot von rechten Parteien oder gar nach Todesstrafe für diese hirnlosen Gewaltverbrecher und deren geistige Steigbügelhalter, die klug genug sind, sich im Hintergrund zu halten wie seinerzeit hoch geachtete Personen der deutschen Rechtspflege, die anonym Beiträge für Hetzblätter der rechten Szene schrieben.

Kann es daran liegen, daß die Baaders die Bürger und deren oberste Repräsentanten bedrohten und die Glatzen mit ihrer Gewalt nur Ausländer, Linke und Obdachlose? Menschen, die dem deutschen Standardbürger schon immer zutiefst suspekt waren und sind?

Ist in Deutschland nicht mal ein Bundestagspräsident darüber gestolpert, daß er richtige Dinge am falschen Ort ausgesprochen hatte, indem er dem deutschen Bürgertum klammheimliche Ressentiments gegen in deren Augen Andersartiges unterstellte und damit den Judenhass meinte?
Ist er etwa nicht nur wegen des unpassenden Ortes geschaßt worden, an dem er diese Gedanken ausgebreitet hatte, sondern weil er unangenehme Wahrheiten offen angesprochen hatte?

Deutschland ist nicht einäugig. Das zu behaupten, wäre falsch. Deutschland hatte nach der Radikalkur von 1939 – 45 beide Augen geschlossen. Nach 1945 hat es zuerst nur das linke Auge geöffnet und mit dem rechten etwas geblinzelt, bis dieses 1968 gewaltsam geöffnet wurde. Gleichwohl bleibt auf dem rechten Auge eine latente Sehschwäche erhalten, die offenbar nicht mit Sehhilfen, sondern nur mit Langzeittherapie in den Ursachen zu beheben ist. Und Langzeit ist in diesem Falle wörtlich zu nehmen. 12 Jahre Krankheit und 65 Jahre Rekonvaleszenz sind offenbar noch nicht genug. Im Gegenteil. Die seit den 1970er Jahren langsam besser werdende Sehkraft scheint wieder nachzulassen. Und die Zeitzeugen sterben aus. Wir Nachgeborenen sollten uns endlich für die Weiterführung der Therapie verantwortlich fühlen.

Stuttgart 2011

Die Badener und die Württemberger haben entschieden. Und sie haben richtig entschieden. Jeder. Und jeder für sich. Sie haben entschieden, daß die Planung eines Großprojektes am Willen der Bürger vorbei nicht mehr zeitgemäß ist. Und daher hat die Regierung das einzig Richtige getan, sie hat den weiteren Fortgang des Bahnhofsbaus vom Bürgerwillen abhängig gemacht.

Dieser Bürgerwille ist seit gestern aktenkundig, es hat sich eine Mehrheit für eine Position gefunden, es war keine negative Mehrheit wegen mangelnden Interesses, sondern es war eine positive Mehrheit der abgegebenen Stimmen.

Allerdings eine knappe Mehrheit. In Folge dieser Abstimmung lastet eine große Verantwortung auf den Schultern derer, die für diese Volksabstimmung eingetreten sind und die an ihr teilgenommen haben. Die große Minderheit muß akzeptieren, daß ihre Minderheit zwar groß, aber eben nur eine Minderheit ist. Die Mehrheit muß akzeptieren, daß sie zwar eine Mehrheit, aber eben nur eine knappe Mehrheit hat.

Die Verwendung von Vokabeln wie „Schlappe“ oder dergleichen Schützengrabenprosa aus dem verbalen Werkzeugkasten minderbegabter Parteipolitiker und Parlamentskarrieristen zeigt nur eines: Sie haben es immer noch nicht verstanden. Es geht nicht um Sieg oder Niederlage, es geht darum, für bestimmte Dinge die davon Betroffenen vorher im Einzelfall um Zustimmung zu bitten. Und ich schreibe ganz bewußt „bitten“, da die Betroffenen der Souverän sind, der nichts auf Befehl tut sondern den man eben „bittet“.

Es ist abstoßend, Politiker zu erleben, die eine Entscheidung des Souveräns als Schlappe für jene mit anderer Meinung bezeichnen. Ebenso abstoßend, wie an Wahlabenden triumphierende und Sekt trinkende Parteimitglieder zu erleben. Man fragt sich, was feiern die eigentlich? Sie sollten sich stattdessen still an die Arbeit machen. Dafür wurden sie gewählt.

Das Ergebnis der Volksabstimmung zu Stuttgart 21 heißt:

• Für die Regierung, den Bürgerwillen umzusetzen und den Bahnhof weiter zu bauen. Auch, wenn man es für noch so falsch hält.

• Für die Opposition, sich mit den zukünftigen Problemen auseinanderzusetzen, Stuttgart 21 ist politisch ab sofort Vergangenheit.

• Für die Bürger, Plakate einrollen, nach Hause gehen und sich der Tatsache bewußt werden, daß man soeben einen großen Dienst für die Demokratie geleistet hat.

Die Bürger haben sich die Entscheidungsgewalt von denen zurückgeholt, die diese Entscheidungsgewalt bisher nur geliehen, sie aber nach und nach als ihr Eigentum angesehen hatten. Daß dem nicht so ist, sollte die Lehre aus Stuttgart 21 sein. Für die Beteiligten und für die Zuschauer.

Die Jugend von heute

Ja ja, die Jugend von heute.

Die Jugend von heute interessiert sich nicht mehr für Politik, die interessieren sich nur noch für sich selbst.
Hängen ständig am Handy, zeigen ihr ganzes Leben bei Fatzebuck und Konsorten, machen nur noch Computerspiele, gehen schoppen, sind Markenfetischisten, gucken im Fernsehen nur noch Schmutzprogramme mit asozialen Verlieren in der Hauptrolle, erkennen nur noch Geld und Konsumartikel als erstrebenswert an, können nicht mehr richtig lesen und schreiben, haben keine Werte und Überzeugungen mehr, treten für nichts mehr ein, sind nicht mehr bereit, sich anzustrengen, mißachten die Alten und das, was diese geleistet haben, sind respektlos, egoistisch, nicht mehr zielstrebig.

Eigentlich ist diese Jugend von heute absolut unterirdisch, daneben, inakzeptabel.

Aber die Jugend von heute ist so, weil die Jugend von gestern, also wir, sie so erzogen hat.

Ja ja, die Jugend von heute.

Wohin mit dem Geld ?

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Diese schlichte Lebensweisheit hat sich im Alltag der Wohnburgen in Hamburgs Brennpunkten als korrekt erwiesen. Die stadteigenen Wohnungsgesellschaften haben im Zuge der allgemeinen Baumodernisierung ihrer Betonmenschenställe in jedem Block eine sogenannte Pförtnerloge eingerichtet, in der ein Ansprechpartner für Mieter, vernachlässigte Kinder oder Besucher während der Tageszeit Präsenz zeigt. Das mit diesem Ansprechpartner (auch „Hauswart“ genannt) gleichzeitig bei gelangweiltem Anhang einiger Mieter eine gewisse Hemmschwelle aufgebaut wird, der Langeweile mittels kreativer Umgestaltung der Fassaden etc. Herr zu werden, ist ein weiterer Effekt, der sogar zahlenmäßig belegbar ist: 60% weniger Vandalismus in den Anlagen der städtischen Wohnungsgesellschaften.

Dank der „Reform“ der Sozialstaatsgesetze durch die Regierung Schröder war es den Wohnungsgesellschaften auch möglich, diese Hauswartstellen kostengünstig zu besetzen, in Hamburg werden dafür ausnahmslos sogenannte Ein-Euro-Jobber herangezogen. Das ist aus Steuerzahlers Sicht nicht weiter schlimm, bleibt der damit erwirtschaftete Gewinn der Gesellschaften ja in den Kassen der öffentlichen Hand und wird mit den staatlichen Transferzahlungen für die Ein-Euro-Jobber verrechnet, da die Gesellschaften im Eigentum der Stadt stehen. Ein Null-Summen-Spiel, bei der es offenbar nur Gewinner gibt.
Wer jetzt denkt, ein Grund für den Gedanken der Privatisierung der Gesellschaften könnte auch darin liegen, diese Gelder in Privatkassen umzuleiten, der denkt bestimmt nicht falsch.

Im Mai 2011 beschloß der Senat der Stadt Hamburg, die Ein-Euro-Job-Zuschüsse zu kürzen, da diese Jobs mehrere Nachteile haben:

  1. Arbeitgeber sparen an Löhnen auf Kosten der Allgemeinheit.
  2. Die konkurrenzlos billigen Arbeitskräfte dienen dem Preisdumping und verdrängen teurere Anbieter vom Markt und gefährden die damit
    verbundenen Arbeitsplätze.
  3. Staatliche Unterstützungsleistungen werden direkt in die Kassen von Unternehmen umgeleitet statt Bedürftigen zu helfen.

Der Gedanke hinter dieser Senatsentscheidung ist also durchaus nachvollziehbar, insbesondere, da das eigentliche Ziel dieser sogenannten Billig-Jobs, Langzeitarbeitslosen einen Weg in feste Beschäftigungsverhältnisse zu ebnen, einerseits nicht erreicht wurde und andererseits sogar feste Beschäftigungsverhältnisse gefährdet bzw. vernichtet wurden.

Man könnte nun meinen, daß der Senat, der ja Eigentümer der staatlichen Wohnungsgesellschaften ist, mit gutem Beispiel voran geht und die Billig-Jobs der Hauswartstellen umgehend in feste Arbeitsverhältnisse umwandelt. Weit gefehlt. Im Hamburger Abendblatt vom 16.05.2011 wird die Wohnungsgesellschaft zitiert, die mit großen Krokodilstränen berichtet, daß aufgrund der beschlossenen Kürzungen die Hauswartstellen gefährdet seien und mindesten 100 der 250 Stellen wegfallen müssen, wenn nicht sogar alle. Spätestens an dieser Stelle komme ich mir als politisch denkender und steuerzahlender Mensch vor, als solle ich vorsätzlich hinters Licht geführt werden.

Was hat das jetzt alles mit der Ausgangsfrage „Wohin mit dem Geld“ zu tun? Das will ich ihnen erklären.

Hamburg zählt mindestens vier große Familien zu ihren Einwohnern, deren privates Vermögen vor dem Komma mit mindestens neun Nullen zwischen der vorangestellten Zahl und dem Komma ausgestattet ist. Das sähe dann im ungünstigsten Fall so aus:

1.000.000.000,00

Nun ist es nicht grundsätzlich ein Verbrechen, reich zu sein, auch wenn immer mal wieder die Frage gestattet sei, wo dieser Reichtum konkret herkommt.
Wenn jedoch ein Mitglied dieser Familien in der Ausgabe des Hamburger Abendblattes vom 27.04.2011 mit dem Luxusproblem zitiert wird, keine lukrative Anlage für seine Milliarden zu finden, eine andere Familie, deren Firmen- und Erstwohnsitz steuersparend in der Schweiz liegt, 50.000.000 EUR für den Kauf eines Fußballspielers für ein soziales Projekt hält, anderseits jedoch bei der Rettung einer Traditionsreederei die Hand beim viel geschmähten Staat aufhält, eine dritte Familie einen Luxuskoch für private Feiern exklusiv in die eigene Küche verpflichtet, dann mag man fragen dürfen, ob hier etwas faul ist im Staate Dänemark. Insbesondere, wenn ein einzelner reicher Mann, der diese Situation öffentlich anprangert, von seinen reichen, jetzt muß man wohl sagen Ex-Freunden, als „Nestbeschmutzer“ betitelt wird.

Hamburg kann seine Schulen nicht so ausstatten, wie es für die jüngsten Staatsbürgern auf ihrem Weg ins Leben angemessen ist, Hamburg kann seine Straßen nicht in eine Zustand versetzen, wie es einem Gemeinwesen angemessen ist, Hamburg kann seine Mitarbeiter nicht angemessen bezahlen, Hamburg kann seinen Bürgern auf den Ämtern aufgrund von Personalmangel nicht den Service bieten, der angemessen ist, Hamburg kann kein zukunftsfähiges Verkehrskonzept umsetzen, wie es angesichts der wachsenden Mobilität angemessen ist, Hamburg kann keine Wasserfontaine bezahlen und muß sich der peinlichen Situation aussetzen, jedes Jahr wieder lächerliche 60.000 EUR zusammenzubetteln, Hamburg kann seine Verkehrsinseln nicht mit Blumen bepflanzen sondern nur Unkraut wuchern lassen, Hamburg kann Projekte wie „Jugend in Arbeit“ oder soziale Stadtteilbetreuung nicht finanzieren und nimmt lieber in Kauf, daß Jugendliche in sozialen Brennpunkten sich selbst überlassen bleiben. Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen

Das alles unter gleichzeitiger Errichtung einer Zwei-Stationen-U-Bahn für 500 Mrd. EUR, eines leeren Luxusstadtviertels, eines fast ebenso teuren Konzertsaales, der die ursprüngliche Kostenschätzung mittlerweile um 400% überschritten hat (natürlich zu Lasten der Allgemeinheit) und eines Kreuzfahrtterminals, daß Glanz und Glamour vermitteln soll aber aufgrund der enormen Kosten für die Erstellung in den Randbezirken der Stadt doch nur wieder weitere Verarmung seelische und materieller Art erzeugt. Begleitet von der gebetsmühlenartig vorgetragenen Mantra, weitere Steuersenkungen seien unbedingt notwendig, ja nicht nur das, sie seien sogar alternativlos. Um noch mehr leere Kassen zu produzieren?

Solange der Staat sich seinen Anteil am erwirtschafteten Vermögen nicht da abholt, wo er ist, nämlich bei besagten Familien, solange wird diese Entwicklung weitergehen. Es wird zu weiterer Vermögensumschichtung kommen und es wird der Tag kommen, an dem diejenigen, die diese Vermögen mit ihrer Hände und Köpfe Arbeit erwirtschaften, nicht mehr akzeptieren, daß sie davon immer weniger abbekommen sollen. Dann wird es auf die Frage „Wohin mit dem Geld?“ sicherlich sehr viele höchst individuelle Antworten geben.

Selbstjustiz

Da hockt er nun auf der Anklagebank und erwartet das Urteil. 4 Jahre nach der Tat und quälend langer Ungewissheit. Hilda sitzt dem Mörder ihres Kindes gegenüber. Er hat gestanden. Er hat gesagt, wo er die sterblichen Überreste von Arne verscharrt hat. Seitdem gibt es endlich einen Ort, an dem sie trauern kann.

Ein Kind fast noch. Erst 20 Jahre alt. Aber er hat ihren Sohn ermordet. Mit Vorsatz. Am ersten Prozeßtag, nachdem der Staatsanwalt die Anklage verlesen hatte, legte der Verteidiger eine erschreckende Lebensgeschichte offen. Mißbrauch, Ablehnung, brutale Gewaltexzesse durch den Vater. Dieser Täter ist offenbar seit frühester Kindheit durch die Hölle gegangen.

Der Prozeß hat drei Monate gedauert. Drei Monate, in denen jedes Detail der Tat öffentlich wird. Drei Monate, in dem auch jedes Teil des chancenlosen Lebens des Täters öffentlich wird. Drei Monate, in denen die Presse langsam das Interesse verliert und nur auf das Urteil wartet. Das Urteil, das noch einmal Auflage bringen wird. Drei Monate, in denen ein Entschluß in Hilda heranreift.

Hilda verharrt wie seit dem ersten Prozeßtag im Saal und folgt stumm und regungslos dem Richterspruch und der anschließenden Begründung.

Im Namen des Volkes.

Sie hat wenig Tränen. Die Trauer um Arne hat auch den Rest ihrer Familie zerstört. Frank, ihr Mann, ist nicht in der Lage, das Geschehene anzunehmen. Gefangen in seiner Trauer und in Selbstvorwürfen blieb ihm nur die Einsamkeit. Hilda hat versucht, in den Alltag zurückzufinden.

Nachdem der Richter die Verhandlung für beendet erklärt, verläßt sie das Gerichtsgebäude und fährt mit der Straßenbahn nach Hause. Sie blickt aus dem Fenster und ist froh, daß es vorbei ist. Vorbei die Ungewissheit, vorbei die tiefe Trauer, die einer nie mehr endenden Wehmut gewichen ist. Vorbei auch der abgrundtiefe Haß, der sie beinahe hätte scheitern lassen.

Als sie an einem Kinderspielplatz vorbei fährt, sucht sie in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch. Der kalte Stahl der Pistole läßt sie noch einmal kurz erschauern, dann ist auch dieser Moment vorbei. Sie ist frei.

Klartext!

Was machte Karl Theodor zu Guttenberg beim gemeinen Wahlvolk so beliebt, daß ihm selbst bei nachgewiesenen Verfehlungen die Sympathie der Massen nicht entzogen wurde? Sein Adelstitel? Sein eloquentes Auftreten? Seine vermeintlich „gestyltes“ Erscheinung? Oder war es doch eher sein Hang, Dinge beim Namen zu nennen, auch wenn es einerseits recht plakativ eingesetzt und andererseits „von oben“ nicht gewünscht war? Zugegeben, auch er hat den Krieg in Afghanistan eher verbrämt als solches bezeichnet, aber immerhin hat die Vokabel „Krieg“ mit seiner Betrachtung Einzug in die offizielle Sprachregelung der Regierung gehalten.

Was ist es, das Menschen davon abhält, offen zu sagen was sie denken, während sie gleichzeitig, wie aktuell bei der Reaktorkatastrophe in Japan zu beobachten, mit Superlativen, und seien sie noch so unsinnig, um sich werfen, um Zustände zu beschreiben, die sowieso jeder sehen und bewerten kann?

In der Politik ist es klar. Jeder Politiker lebt, anders als noch Strauss, Wehner oder Schmidt, ständig in der Angst, nicht auf der Höhe des Zeitgeistes zu sein und damit vermeintlich seine Wiederwahl und seine Existenzgrundlage zu verlieren. Außer Politik können eben viele nichts und noch nicht mal das wirklich gut.

Aber dieses Phänomen ist auch außerhalb dieses Mikrokosmos zu finden. Political Correctness ist der amerikanisch geprägte Terminus dafür. Die Vermeidung, mit der eigenen Meinung evtl. jemand anderen zu verletzen, weil dieser eine andere Meinung hat, das Anliegen, das dahinter steckt. – Könnte man meinen. Aber ist es wirklich an dem?

Schauen wir zurück. Genauer gesagt bis 1984; oder besser 1949, dem Erscheinungsjahr besagten Romans. Dort wird eine Behörde beschrieben, die es zur Aufgabe hat, Worte und Satzteile, deren Inhalte aus dem sprachlichen Kontext negativ besetzt sind, gegen positiv klingende Worte auszutauschen. Aus „sehr schlecht“ – das negativ besetzte Wort „schlecht“ wird durch das neutrale „sehr“ in seiner negativen Wirkung noch verstärkt – wird „doppelplusungut“. Die einzige negative Silbe „un“ wird durch die vorgestellten positiven Worte „doppel“ und „plus“ vorbereitend relativiert und durch das nachgestellte „gut“ weiter abgeschwächt.

Das macht deutlich, daß hinter „Political Correctness“ nicht ausschließlich philanthropische Absichten zu vermuten sein könnten. Vielmehr sieht sich dieses moderne Neusprech dem Verdacht ausgesetzt, den Bürger über wahre Absichten, Folgen oder Zustände gezielt hinters Licht zu führen.

Unfälle in Kernkraftwerken werden dann zu „Störfällen“ (In Japan sprach man selbst nach der zweiten Explosion noch von einem Störfall), Entlassungen von Mitarbeitern zu „Freisetzungen“, Kriege zu „Konflikten“ oder allenfalls zu „bewaffneten Konflikten“ und zerfetzte und krepierende Soldaten zu „Gefallenen“.

Andererseits, deutlich zu sagen, was man denkt und meint, ohne Blatt vor dem Mund und auch ohne Angst, dafür Gegenwind zu ernten, ist jedermanns Sache nicht. Nicht jeder ist ein Thilo Sarrazin, ein Ralph Giordano oder ein Henryk M. Broder, die sich mit provokanten Thesen einem Trommelfeuer von selbst ernannten Meinungsführern ausgesetzt sehen, deren Meinungen ob ihrer Beliebigkeit im Grunde gar nicht klar zu erkennen sind.
Vielleicht auch das ein Grund für den Hang, lieber in Verbrämung statt im Klartext zu reden.

Aber ist der Bürger tatsächlich so darauf erpicht, von allem nur die weichgespülten Versionen zu erfahren? Hält er die klar formulierte und mitunter pointiert zugespitzte Meinung gar nicht mehr aus?
Ich glaube, wie man am Beispiel Sarrazin und Guttenberg erkennen kann, nein!. Der Bürger will endlich Menschen, die ihm Wahrheiten und Meinungen sagen, und seien sie noch so subjektiv gefärbt. Die mit klarer Kante die Möglichkeit zur Gegenrede schaffen. Die Gespräche, Diskussionen und vor allem auch Diskurse zulassen oder gar provozieren. Die Standpunkte beziehen, die man angreifen, gegen die man argumentieren und die man zur Not auch einnehmen kann, wenn die Argumente des Gegenübers als die besseren erkannt werden.

Um evtl. Einwenden gegenüber zu treten, nein, ich halte die inszenierten Gladiatorenrunden in den öffentlich-rechtlichen Bedürfnisanstalten von Will, Maischberger, Illner oder Plasberg nicht für echte Diskurse. Dafür sitzen dort zu viele mediengerechte Maulhelden aus der Politik und Wirtschaft, die seit Jahren keine produktive Arbeit mehr leisten sondern nur noch bezahlte Verbalakrobatik in quotenorientierten Kampfarenen betreiben. Sie sind Teil der Show und damit des Problems aber nicht mehr Teil der Lösung.

Stellung beziehen, ist das, was der Bürger von seinen Mitbürgern, ob oben oder unten, erwartet. Weil wir alle genau diese Stellungen und Haltungen anderer zur eigenen Standortbestimmung benötigen.

Das ist die Botschaft der Bürger an die Politik. Bezieht endlich Stellung. Auch auf die Gefahr hin, mit dieser Haltung in die Minderheit zu geraten. Mit Argumenten kann man daraus auch wieder Mehrheiten gewinnen. Und wenn ihr nicht Stellung bezieht, dann tun wir es. Wie in Stuttgart zum Thema Bahnhof, im Wendland zum Thema Atomkraft, in Hamburg zum Thema Schulpolitik, auf allen Plätzen und Märkten zu jedem beliebigen anderen Thema.
Mit Wischi-Waschi verliert sich der Glaube in die Kraft der Demokratie. Daß diese dabei irgendwann auf der Strecke bleibt, gilt es zu verhindern. Das geht uns alle an.

In diesem Sinne: Klartext reden!